Ausstellungseröffnung in Gmunden: Irmgard Hofer-Wolf

Datum/Zeit
Date(s) - 30/08/2020
11:00

Veranstaltungsort
Kammerhofgalerie

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NETWORKS Konzept

In „Networks“ reflektiere ich mein Leben als Zögling im Internat. Der strikte Ordnungsrahmen unserer Schule und die damit verbundene ständige Kontrolle ließ noch Ähnlichkeiten zum Handarbeitsunterricht um 1900 erkennen (siehe Text „Mädchenhandarbeit). Strukturiertheit im Zentimeterabstand – zeitlich wie räumlich – ist mir früh eingepflanzt worden und noch heute zu Eigen! Es gab kaum Rückzugsgebiete und Privatsphäre, aber doch zaghafte Versuche, die kleinkarierten Systeme zu irritieren und zu dehnen, zu überlisten, zu hintergehen oder gar daraus auszubrechen.

Als ich mich entschloss, nach über zwanzig Jahren als Lehrerin für Englisch und Bildnerische Erziehung noch zusätzlich das Lehramt für textiles Werken zu absolvieren, eröffnete sich für mich eine künstlerische Ausdrucksmöglichkeit, nach der ich schon seit der Matura gesucht hatte. Da ging es nun nicht mehr um das Herstellen von Brauchbarem und Dekorativem, da ging es um Kreativität im Umgang mit Material und Herstellungstechniken, um das Vernetzen und Verknüpfen aller individuell ganz unterschiedlich gemachten Erfahrungen und Fähigkeiten. Im Verlauf meines Studiums durfte ich in die unendlichen Möglichkeiten textilen Gestaltens eintauchen, mir tatsächlich einen „Spiel-Raum“ schaffen und meine „unnützen“ Arbeiten als „Materialstudien“ und „Flächengestaltungen“ rechtfertigen.

Mädchenhandarbeit

In der Schule um 1900 war das Vermitteln von weiblichen Handarbeitstechniken, dem „Nadelarbeiten“, allen Gesellschaftsschichten ein großes Anliegen. Mädchen aus den unteren sozialen Schichten erlernten das Nähen, Flicken, Stricken und Stopfen, damit sie im eigenen oder fremden Haushalt anfallende Ausbesserungsarbeiten erledigen konnten. „Höhere Töchter“ aus der Oberschicht fertigten „feine weibliche Handarbeiten“ an, für die sie auch im Weißsticken, Musterstricken, Häkeln und Klöppeln unterrichtet wurden. Hier stand genügend Zeit zur Verfügung und Geld für teure Materialien wie feines Leinen und Seidengarn.

Fleiß, Ordnung und Sauberkeit wurden als wichtige weibliche Tugenden angesehen. Es gab die Anweisung, im Unterricht hauptsächlich weißes Material zu verwenden und die damit verbundene Absicht ist klar: Hände, die nicht ganz sauber waren oder unachtsames Arbeiten – wenn etwa immer wieder aufgetrennt werden musste – verschmutzten die weißen Garne und Stoffe und zogen Tadel oder Strafe nach sich. Die ordentlich ausgeführte Handarbeit war das sichtbare Zeichen von „innerer Sauberkeit“.

Darüber hinaus sollte das regelmäßige und ausdauernde Handarbeiten den Geist kontrollieren und disziplinieren und auch die Selbstbeherrschung des Körpers fördern. Die allgemeinen Unterrichtsgrundsätze von 1909 beschreiben die „ordentliche Körperhaltung“ aufs Genaueste! Die Mädchen saßen stundenlang still mit gesenktem Blick auf die Handarbeit, führten geduldig eintönige, wenn auch kleine, anmutige Handbewegungen aus und waren auf diese Weise „rastlos tätig“. Das war das erstrebenswerte Erziehungsziel und – so vermute ich – der von den (zukünftigen Ehe-) Männern geschätzte Anblick!

(vgl. Bärbel Ehrmann-Köpke „Demonstrativer Müßiggang“ oder „rastlose Tätigkeit“, Waxmann Verlag 2010)

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